Motivik der Grimm'schen Märchen

Für Informationsaustausch zum bekanntesten Werk
der Brüder Grimm, zu seiner internationalen
Verbreitung und Rezeption, und allgemein zur Gattung Märchen.

Motivik der Grimm'schen Märchen

Beitragvon Johannes » Montag, 20. August 2012, 12:38

Hallo,

für meine Abschlussarbeit (BA Kommunikationsdesign, Schwerpunkt Buchgestaltung und Fotografie) will ich –als Basis für meine Arbeit – die Grimm'schen Märchen nach ihren gesellschafts- und sozialkritischen bzw. moralischen/didaktischen Aspekten kategorisieren und auswählen.

Wichtig: Es geht mir nicht um eine psychologische Interpretation der Märchen, sondern eine Analyse – interpretieren soll der Leser später selbst!
Beispiel: »Hänsel und Gretel« und »Die Bremer Stadtmusikanten« haben beide als zentrales Motiv die Solidarität, bei »Vom Fischer und seiner Frau« ist es die Habgier, bei »Aschenputtel« der Fleiß usw. Diese Motive will ich korrekt benennen!

Ich mag das gedruckte Wort sehr, muss aber in erster Linie Gestalter sein (und bin erst recht kein Sprachwissenschaftler, Psychologe oder gar Märchenforscher) und benötige daher etwas Hilfe:
Gibt es ein empfehlenswertes Buch, dass auf die Motivik der Grimm'schen Märchen eingeht oder ggfs. schon eine solche Sortierung vornimmt? Oder eine wissenschaftliche Arbeit, Website o.ä.?

Im Internet bin ich auf meiner Suche mehrfach über Max Lüthis »Märchen« und »Das europäische Volksmärchen« gestoßen, es aber noch nicht in der Hand gehabt. Wäre mir damit geholfen?

Herzlichen Dank im Voraus,
Johannes
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Re: Motivik der Grimm'schen Märchen

Beitragvon Johannes » Donnerstag, 23. August 2012, 8:57

Ich bin mittlerweile fündig geworden. Das Buch »Die Moral von Grimms Märchen« von Wilhelm Solms bietet zwar nicht aufgelistet, aber in Textform reichlich Aufschluss über die in den Grimm-Märchen enthaltenen Motivik und Didaktik.
Leider ist es vergriffen, ohne Neuauflage und nur antiquarisch zu bekommen.
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Re: Motivik der Grimm'schen Märchen

Beitragvon Berthold Friemel » Freitag, 24. August 2012, 12:46

Lieber Herr Pistorius,
die Literaturwissenschaft hat für den Motivvergleich der Volkserzählungen ein eigenes Forschungsgebiet entwickelt, dessen Ergbenisse in einem umfangreichen Index zusammengetragen sind, siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Aarne-Thompson-Index
Neuerdings wurde der Index durch Hans-Jörg Uther von der Göttinger Enzyklopädie des Märchens neu bearbeitet.

Auch die Brüder Grimm haben für ihren eigenen Gebrauch einen derartigen Index entworfen, den sie allerdings nicht drucken ließen. Als Buch erschienen ist er erst kürzlich als Band 1.2 unserer kritischen Grimm-Briefausgabe, siehe http://www.grimmbriefwechsel.de/_bw__br ... w_1_2.html
Rechts auf der Seite können Sie sich Beispiele dafür anschauen, wie die Brüder Grimm die Erzählmotive klassifizierten.

Vielleicht helfen Ihnen diese beiden Tips noch weiter. Die Bücher finden Sie in wissenschaftlichen Bibliotheken, zum spontanen Kauf dürften sie zu teuer sein.
Berthold Friemel
 
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Re: Motivik der Grimm'schen Märchen

Beitragvon Berthold Friemel » Freitag, 24. August 2012, 16:25

Hinzufügen möchte ich noch, dass Sie für Ihr Thema wahrscheinlich Wilhelm Grimms Anmerkungsband zu den "Kinder- und Hausmärchen" gut benutzen könnten. Hier führt Wilhelm Grimm andere, abweichende Fassungen der Märchen und ähnliche deutsche und internationale Märchen an. Den Anmerkungsband finden Sie digital unter http://de.wikisource.org/wiki/Kinder-_und_Haus-Märchen_Band_3_(1856)
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Re: Motivik der Grimm'schen Märchen

Beitragvon Philip Kraut » Montag, 27. August 2012, 10:27

Hinzufügen möchte ich noch als Einstiegsbuch Uthers "Handbuch zu den Kinder- und Hausmärchen", in dem die Märchen Motivkomplexen zugeordnet sind. Zu jedem Märchen gibt es einen Kommentar und hinten eine Liste der Märchen nach den Nummern des Aarne-Thompson-Uther-Index.

Hans-Jörg Uther: Handbuch zu den "Kinder- und Hausmärchen" der Brüder Grimm: Entstehung - Wirkung - Interpretation. Berlin 2008.
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Re: Motivik der Grimm'schen Märchen

Beitragvon Johannes » Mittwoch, 12. September 2012, 9:24

Herzlichen Dank für die Antworten. Durch einige thematische Änderung meiner Arbeit habe ich mittlerweile alles gefunden, was ich brauche – das Uthersche Handbuch werde ich aber noch mal als Gegenprobe zu Rate ziehen.
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Re: Motivik der Grimm'schen Märchen

Beitragvon Plata » Freitag, 16. November 2012, 16:16

Berthold Friemel hat geschrieben:Hinzufügen möchte ich noch, dass Sie für Ihr Thema wahrscheinlich Wilhelm Grimms Anmerkungsband zu den "Kinder- und Hausmärchen" gut benutzen könnten. Hier führt Wilhelm Grimm andere, abweichende Fassungen der Märchen und ähnliche deutsche und internationale Märchen an. Den Anmerkungsband finden Sie digital unter http://de.wikisource.org/wiki/Kinder-_und_Haus-Märchen_Band_3_(1856)

Das Anmerkungsband ist sehr aufschlussreich und es kann auch offiziell verwendet werden im Gegensatz zu Wikipedia und Co.

Johannes hat geschrieben:Herzlichen Dank für die Antworten. Durch einige thematische Änderung meiner Arbeit habe ich mittlerweile alles gefunden, was ich brauche – das Uthersche Handbuch werde ich aber noch mal als Gegenprobe zu Rate ziehen.


Welche Bücher / Werke haben Sie zur Ausarbeitung genutzt? Können Sie darüber eine Angabe machen?

LG
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Re: Motivik der Grimm'schen Märchen

Beitragvon AndreasKrauss » Sonntag, 31. März 2013, 20:10

Johannes hat geschrieben:Hallo,

für meine Abschlussarbeit (BA Kommunikationsdesign, Schwerpunkt Buchgestaltung und Fotografie) will ich –als Basis für meine Arbeit – die Grimm'schen Märchen nach ihren gesellschafts- und sozialkritischen bzw. moralischen/didaktischen Aspekten kategorisieren und auswählen.

Wichtig: Es geht mir nicht um eine psychologische Interpretation der Märchen, sondern eine Analyse – interpretieren soll der Leser später selbst!
Beispiel: »Hänsel und Gretel« und »Die Bremer Stadtmusikanten« haben beide als zentrales Motiv die Solidarität, bei »Vom Fischer und seiner Frau« ist es die Habgier, bei »Aschenputtel« der Fleiß...


Nun, da bist du aber, glaube ich, einem gewaltigen Irrtum aufgesessen. In Aschenputtel geht es NICHT um "Fleiß". Ganz im Gegenteil, Aschenputtel macht die Arbeit nicht, weil sie fleißig ist, sondern weil sie dazu gezwungen wird. Und selbst so erledigt sie die Arbeit ja nicht selbst, oder? Nein, sie läßt stattdessen die Vögel die ganze Arbeit machen.

In Aschenputtel geht es um Eitelkeit. Es scheint, alle weiblichen Figuren sind krankhaft eitel, besonders Aschenputtel! Denk dran, ihr größter Wunsch waren schöne Kleider, damit der Prinz auf sie abfährt.

Wenn du allerdings ein Märchen mit "Fleiß" als Hauptmotiv suchst, dann nimm doch "Frau Holle". Kein anderes, mir bekanntes Märchen ist so sehr auf Fleiß und Faulheit focussiert wie dieses-- nocht nicht einmal die Variante "Goldmaria und Pechmaria", weil diese variante doch auch sehr viel Gewicht auf "Gutes Herz/Selbstsüchtiges Herz" legt.
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Re: Motivik der Grimm'schen Märchen

Beitragvon AndreasKrauss » Sonntag, 31. März 2013, 20:13

Berthold Friemel hat geschrieben:Lieber Herr Pistorius,
die Literaturwissenschaft hat für den Motivvergleich der Volkserzählungen ein eigenes Forschungsgebiet entwickelt, dessen Ergbenisse in einem umfangreichen Index zusammengetragen sind, siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Aarne-Thompson-Index
Neuerdings wurde der Index durch Hans-Jörg Uther von der Göttinger Enzyklopädie des Märchens neu bearbeitet.

Auch die Brüder Grimm haben für ihren eigenen Gebrauch einen derartigen Index entworfen, den sie allerdings nicht drucken ließen. Als Buch erschienen ist er erst kürzlich als Band 1.2 unserer kritischen Grimm-Briefausgabe, siehe http://www.grimmbriefwechsel.de/_bw__br ... w_1_2.html
Rechts auf der Seite können Sie sich Beispiele dafür anschauen, wie die Brüder Grimm die Erzählmotive klassifizierten.

Vielleicht helfen Ihnen diese beiden Tips noch weiter. Die Bücher finden Sie in wissenschaftlichen Bibliotheken, zum spontanen Kauf dürften sie zu teuer sein.


Hallo, Herr Friemel.

Vielen Dank für den Tipp. Ich suche etwas in der Art nämlich schon lange.
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