Frankenstein = Dippel?

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Frankenstein = Dippel?

Beitragvon Alex Deppert » Montag, 12. Juni 2006, 12:01

Ich habe eine mit Jacob Grimm verbundene Frage zur Wahrscheinlichkeit bzw. „Tiefe“ der Verbindung zwischen der Burg Frankenstein bei Darmstadt und Mary Shelleys berühmter Novelle.
Sicher keine ausschließlich entscheidende, aber zumindest als positiver Beleg möglicherweise wichtige Rolle scheint mir ein Brief zu spielen, den Jacob Grimm an Mary Shelleys Stiefmutter Mary Jane Clairmont geschrieben haben soll (Übersetzerin der Grimms) und der im Internet hier und da ohne nähere Quellenangabe erwähnt wird. In diesem Brief soll Grimm Clairmont eine Geschichte über den Alchimisten, Theologen und Arzt Johann Konrad Dippel darlegen. Dieser in unserer Gegend bis heute erzählten Geschichte zufolge (soweit ich das wirklich nachvollziehen kann, mir erzählte mein Großvater etwas Derartiges bei einem Familienspaziergang auf der Burg vor ca. 25 Jahren) hatte Dippel versucht, einen neuen Menschen aus Körperteilen und Blut von Jungfrauen zu konstruieren und dabei das Burggefängnis der Burg Frankenstein als Labor benutzt.
Dippel war ein umstrittener Alchimist, in dessen Labor (andernorts) die Farbe "Berliner blau" entdeckt bzw. erstmals synthetisiert wurde. Historischer Hintergrund der Geschichte sind möglicher Weise Obduktionen, die Dippel durchgeführt haben mag. Womöglich haben Gegner Dippels daraus die beschriebene Geschichte konstruiert. Einen Teil der Burg soll Dippel übrigens auch versehentlich gesprengt haben (das alles gab natürlich meine Erinnerung an die gruselige Geschichte, die mein Großvater mir erzählte, nicht mehr her, sondern ist Ergebnis einer bisher eher oberfächlichen Recherche).
Mich interessiert brennend, ob dieser Brief von Jacob Grimm an Mary Clairmont tatsächlich existiert (und ob er vielleicht sogar einsehbar ist) bzw. was sich dazu sagen lässt. Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie mir Ihre Meinung dazu mitteilen könnten oder mir auf andere Weise bei der (womöglich vorläufig bleibenden) Beantwortung dieser umstrittenen Frage helfen könnten.
Ebenso interessant wäre für mich die Frage, ob es irgendwelche anderen Belege dafür gibt, dass die Grimms von Dippel Notiz genommen haben.
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Bestenfalls eine Teilwahrheit

Beitragvon Berthold Friemel » Montag, 17. Juli 2006, 9:14

Eben habe ich in die Diskussion zum betreffenden Wikipedia-Artikel eine Nachfrage geschrieben, ob sich der Kontakt der Grimms zu Lady Clairmont und deren Übersetzungsarbeit an den Grimmschen Märchen belegen lassen. Hier könnte eventuell der wahre Kern der Geschichte liegen. Nicht bestätigen läßt sich hingegen, daß in der ersten Auflage "Kinder- und Hausmärchen" eine Frankenstein-Geschichte enthalten gewesen sei (so auch Heinz Rölleke auf Anfrage). Ohnehin hätten die Grimms eine Geschichte, die sich auf einen bestimmten Ort wie die Burg Frankenstein bezöge, eher ihren "Deutschen Sagen" als der Märchensammlung zugeordnet.
Ein Verzeichnis der uns bekannten Grimm-Korrespondenzen findet man unter http://www.grimmnetz.de/bv. Ein Briefwechsel mit Lady Clairmont ist nicht bekannt.
Simon Gilmour, der in unserer Grimm-Briefausgabe (Stuttgart, Hirzel) die Briefwechsel der Grimms mit englischsprachigen Partnern betreut, wird aber vielleicht noch recherchieren, ob es irgendeinen Bezug des Kreises Shelley / Byron / Clairmont zu den Grimm-Märchen gibt.

PS
In den "Deutschen Sagen" der Brüder Grimm gibt es einen Text, der sich auf die Burg Frankenstein bezieht und der davon handelt, daß ein Ritter von Frankenstein mit einem neben dem Dorfbrunnen lagernden Lindwurm gekämpft habe, siehe http://gutenberg.spiegel.de/grimm/sagen/Druckversion_g219.htm.

PS2
Der HR bringt die Grimm-Clairmont-Connection als Erkenntnis der neuesten Forschung ins Spiel:
Inwieweit die Burg Frankenstein etwas mit Mary Shelleys „Frankensteins Monster“ zu tun hat, ist umstritten. Die englische Schriftstellerin ließ sich möglicherweise bei der Besichtigung der Burgruine 1814 von ihrem klangvollen Namen inspirieren.
Die neueste Forschung bringt Mary Shelleys Stiefmutter, Mary Jane Clairmont, ins Spiel. Sie war die englische Übersetzerin der Grimmschen Märchen. Jacob Grimm hat ihr 1813 von einer Sage berichtet, die von einem Zauberer auf dem Frankenstein erzählt: Dieser habe aus gestohlenen Leichen einen neuen Menschen erschaffen, ein Monster, das an einem trüben Novembertag seine gelben Augen öffnete, seinen Erschaffer mit einem Schlag niederstreckte und in die Wälder floh. Dort habe das Monster einsam gelebt, kleine Kinder geraubt, sie in siedendes Wasser getaucht und gefressen. In Mary Shelleys Roman, den sie 1816 niederschrieb, sind die Ähnlichkeiten teilweise verblüffend:
"Es war in einer düsteren Novembernacht, als ich endlich das Ziel meiner Mühen erreichte. Mit einer Angst, die schon an Agonie grenzte, sortierte ich rund um mich die Instrumente, mit denen ich einen Funken Leben in jenes leblose Ding pflanzen wollte, das zu meinen Füßen lag. Es war schon ein Uhr morgens; der Regen trommelte eintönig gegen die Fensterscheiben, und meine Kerze war fast heruntergebrannt, als ich im trüben Schimmer des halb erlöschenden Lichtes sah, wie sich das trübe gelbe Auge meines Geschöpfes öffnete." http://www.hr-online.de/website/rubriken/kultur/index.jsp?rubrik=15330&key=standard_document_1334754

Schon reichlich stark, eine Passage aus dem Roman "Frankenstein" zunächst einem angeblichen Brief Jacob Grimms unterzulegen und dann die angeblich frappierende Übereinstimmung des Briefes mit dem Roman zu konstatieren (dies wäre zumindest meine vorläufige Bewertung, solange nicht wirklich der Brief auftaucht oder ein sonstiges Zeugnis des Kontakts Grimm / Clairmont zumindest).
Leider bleibt das Internet alle Hinweise auf die Quelle, wo man etwas über solcherlei neue Erkenntnisse der Forschung finden könne, schuldig.
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Bernhard Lauer zur Burg Frankenstein

Beitragvon Berthold Friemel » Sonntag, 13. August 2006, 20:43

In seinem Beitrag "Brüder Grimm-Stätten heute. Authentische Orte, alte und neue Mythen" im vor einigen Wochen erschienenen "Jahrbuch der Brüder Grimm-Gesellschaft", Band 13 / 14 (2003 / 2004) behandelt Bernhard Lauer die in diesem Thread von Alexander Deppert aufgeworfene Frage (S. 47):
Bernhard Lauer hat geschrieben:Mit einem sehr dubiosen Kunstgriff verbindet man die nahe Darmstadt gelegene Burg F r a n k e n s t e i n über die Brüder Grimm mit der berühmten Monstergestalt von Mary Shelley (1797-1851), indem man "neueste Forschung" bemüht und auf dieser "Grundlage" behauptet, daß deren Stiefmutter Mary Jane Clairmont, die die Grimmschen Märchen ins Englische übersetzt haben soll, mit Jacob Grimm 1813 einen Briefwechsel über diese "Sage" geführt haben soll.(1) Weder das eine noch das andere ist zu belegen, und die Schöpfer dieses neuen Mythos flüchten sich am Schluß denn auch dahin, daß sie den angeblichen Briefwechsel in eine ominöse Privatsammlung verlegen, zu der natürlich nur sie Zutritt gehabt hätten und deren Besitzer keinerlei weitere Information darüber gestatten würde(2).

(1) Vgl. dazu z. B. den jüngst erschienenen ADAC-Führer Literaturland Hessen. Der Süden. Hrsg. von Heiner Boencke. Frankfurt a. M.: ADAC u. Hess. Rundfunk, 2004, S. 14 f.
(2) So der offensichtliche Erfinder dieses neuen Mythos', Walter Scheele: Burg Frankenstein. Mythos - Wahrheit - Legende. Frankfurt a. M.: Societäts-Verlag, 2001, S. 100-102; darin heißt es: "In britischem Privatbesitz liegt, für die Öffentlichkeit nicht zugänglich, ein Brief von Jacob Grimm an Mary Jane aus dem Jahr 1813. Donald E. Glut [ein wenig seriöser Journalist; B. L.] hat ihn gesehen, und 25 Jahre später war ich der erste, der ihn wieder zu Gesicht bekommen hat - mit der Auflage, nichts direkt daraus zu zitieren."
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