Alter Streit zwischen Grimm-Museum und Kasseler Bibliothek

In Kassel gingen die Brüder Grimm zur Schule und legten ab 1805 die Grundlagen ihres wissenschaftlichen Werkes. 1897 und 1942 wurden in Kassel Grimm-Gesellschaften gegründet. Die Landesbibliothek baute eine große Grimm-Sammlung auf. An diese Tradition knüpfte man 1959 mit der Gründung des Brüder Grimm-Museums an. Es soll zu einer touristisch orientierten "Grimm-Welt" ausgebaut werden. Seit 2012 besteht an der Universität Kassel eine Professur zur Grimm-Forschung.

Alter Streit zwischen Grimm-Museum und Kasseler Bibliothek

Beitragvon Bonoboche » Freitag, 23. Juni 2006, 20:07

Ins HNA-Forum brachte der Disputierer mit Nickname "Froschkönig" einen Zeitungsartikel aus dem Jahr 1995 ein, der den bis heute ungelösten Streit um die alten Kasseler Grimm-Bestände behandelt. Ursprünglich (ab Gründung 1959) war das Grimm-Museum eine Einrichtung in der Bibliothek; seit der Trennung von der Bibliothek hält das Museum Bücher und Autographen aus Bibliotheksbesitz zurück und verbrachte besonders kostbare Teile der Bestände Mitte der neunziger Jahre in das Palais Bellevue, angeblich weil die räumlichen Verhältnisse im Bibliotheksgebäude die weitere Verwahrung der Sammlungen dort nicht gestatteten. Hier das interessante Dokument, O-Ton "Froschkönig" zunächst:

Meine Damen und Herren,
ich habe in meinem Brunnen ein vergilbtes Schriftstück nicht mehr ganz frischen Datums gefunden. Ob sich das damals Vorgefallene in Wohlgefallen aufgelöst hat? Wer kann Kunde geben? Wie ging das Märchen aus?
HNA v. 11.12.95
Wenn das die Brüder Grimm wüssten*
Um 900 Bücher rund um das Werk der Brüder Grimm streiten Hochschulbibliothek und Brüder-Grimm-Museum anscheinend seit Jahren. Jetzt ist das Gerangel erneut eskaliert.

Kassel. Ungeklärte Besitzansprüche, Mahnverfahren, Fristversäumnisse, Ausschlussverfahren und offenen Gebührenrechnungen von einigen tausend Mark sind das derzeitige Ergebnis einer offenen Rechnung zwischen Land Hessen und Stadt Kassel, genauer gesagt, der Hochschul-Bibliothek in Trägerschaft des Landes und des städtischen Grimm-Museums. Das Objekt der beiderseitigen Begierde sind rund 900 Bücher von den Brüdern Grimm, über sie und ihr Werk.

Diese so genannte *Grimmiana" beanspruchen sowohl die Hochschulbibliothek als auch das Brüder-Grimm-Museum im Palais Bellevue für ihre Bestände. Derzeit stehen die teilweise wertvollen Handschriften und Erstausgaben im Archiv des Museums * ausgerechnet im Gebäude der Murhardschen Bibliothek, die zur Hochschulbibliothek gehört. Dort sind sie zwar allgemein zugänglich, aber *unrechtmäßig" untergebracht, sagt Dr. Hans-Jürgen Kahlfuß, Leiter der Hochschulbibliothek. 1975 wurden die Landesbibliothek und die Murhardsche mit der Hochschulbibliotehk zusammengelegt. Damit traten neue Eigentumsverhältnisse in Kraft.

Für die Bestände der Murhardschen, inklusive der jetzt umstrittenen *Grimmiana" bedeutete das: Sie bleiben im Eigentum der Stadt, werden aber in die Verwaltung, der Hochschulbibliothek, also des Landes, übergeben.

Die Stadt habe damals erklärt, die *Grimmiana" dem Brüder-Grimm-Museum zuordnen zu wollen und nicht der Hochschule, meint dagegen Joachim Ebel, Leiter des städtischen Kulturamts. *Absichtserklärungen, die aber nie realisiert wurden", hält Kahlfuß dagegen. Trotz diverser Gespräche auf höherer Ebene scheint bis heute ungeklärt, wer nun den Bücherschatz rechtmäßig verwaltet. Derweil wird hinter den Kulissen kräftig gezerrt und geschoben.

Ein neues Kapitel im Bücherstreit begann 1984.

Die Bestände der Hochschulbibliothek wurden datenmäßig erfasst und katalogisiert. *Auch die Grimmiana", erinnert sich die Museumsangestellte Ursula Roggensack. Um den besonderen Schatz auf einen Blick von allen anderen bereichen unterscheiden zu können, seien den Büchern gelbe Schilder auf den Rücken geklebt worden * auf Anweisung der Bibliotheksleitung. Diese Kennzeichnung hielt der Dauer des Streits nicht stand, viele Aufkleber lösten sich, ließen nur wenige Klebereste auf den Rücken zurück. Jetzt schritt man seitens des Museums zur Tat und drückte den Büchern kurzerhand den eigenen Stempel auf. Solches Treiben empörte wiederum die Bibliotheksleitung.

Großzügig hatte man den ganzen Bestand nach der Erfassung 1984 auf einem Ausweis zur Dauerausleihe dem Grimm-Museum überlassen. Das Museum habe diese großzügige Geste damit beantwortet, dass man Bücher auch dann nicht herausgab, wenn sie per Fernleihe angefordert wurden, beklagt Kahlfuß. Stimmt nicht, kontert man seitens des Museums. *Die Bücher gehen bei Nachfrage in die Ausleihe und sind im übrigen jedem zugänglich" so Roggensack. Seit neuestem allerdings kämen ausgeliehene Grimmiana auf Anweisung der Bibliotheksleitung nicht wieder zurück ins Museum, so sei der Sachverhalt.

Inzwischen sind die Museumsleute von der Benutzung der Hochschulbibliothek ausgeschlossen. Als oberster Bibliothekar verweist Kahlfuß auf die Benutzerordnung: Ausleihfristen überzogen, Mahnverfahren missachtet, mithin ständig gegen die Benutzungsordnung verstoßen, also alle Bedingungen erfüllt, nach § 13 von der Benutzung der Bibliothek ausgeschlossen zu werden. *Nur, damit die Verhältnisse mal grundsätzlich geklärt werden", sei man jetzt so streng vorgegangen, erklärt Kahlfuß.

Jetzt soll ein Gespräch zwischen dem Präsidenten der Hochschule, Prof. Hans Brinckmann, und Oberbürgermeister Georg Lewandowski den Bücherstreit beenden. Ob die jetzt neue Bändchen kleben oder noch einen Stempel anbringen lassen, darf mit Spannung erwartet werden. Die ältesten und wertvollsten Stücke des Bestandes blieben von solcherlei Maßnahmen übrigens bis heute gänzlich verschont, denn sie waren zum Zeitpunkt der Erfassung zur Ausstellung ausgeliehen.
Bonoboche
 
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