Ein Prophet in Kassel

In Kassel gingen die Brüder Grimm zur Schule und legten ab 1805 die Grundlagen ihres wissenschaftlichen Werkes. 1897 und 1942 wurden in Kassel Grimm-Gesellschaften gegründet. Die Landesbibliothek baute eine große Grimm-Sammlung auf. An diese Tradition knüpfte man 1959 mit der Gründung des Brüder Grimm-Museums an. Es soll zu einer touristisch orientierten "Grimm-Welt" ausgebaut werden. Seit 2012 besteht an der Universität Kassel eine Professur zur Grimm-Forschung.

Ein Prophet in Kassel

Beitragvon Bonoboche » Sonntag, 18. Februar 2007, 13:46

Im Lauf der vorigen Woche setzte die "Hessisch-Niedersächsische Allgemeine" (HNA) ihre Berichterstattung über die UNESCO-Unstimmigkeiten im Grimm-Museum fort. Die Grimm-Gesellschaft hielt im Grimm-Museum eine Informationsveranstaltung ab, wo der Vorsitzende der Gesellschaft, Staubach, für die aktuelle Situation die Formel fand:
Herr Staubach hat geschrieben:Propheten haben es im eigenen Land immer besonders schwer ... statt sich über die hohe Ehre und Anerkennung zu freuen und das Lebenswerk der Grimms entsprechend zu würdigen und zu pflegen, beschäftigt man sich Kassel seit Monaten mit nichts anderem als der eher zweitrangigen Frage nach Eigentum und Besitz

Eine Pressemitteilung über die Veranstaltung der Grimm-Gesellschaft wurde auf ihrer Homepage veröffentlicht. Darin heißt es u. a.:
Brüder Grimm-Gesellschaft e. V. hat geschrieben:Die UNESCO hat den großartigen geistigen Beitrag des Kasseler Brüderpaares zum Weltkulturerbe gewürdigt; in einem Schreiben an die Brüder Grimm-Gesellschaft vom 13.2.2007 stellt die UNESCO ausdrücklich fest, dass die Eigentumsfrage für das Weltdokumentenerbe keine Rolle spiele und sie keine Veranlassung für ein Eingreifen in diese Diskussion sehe.
Bei der gestrigen Veranstaltung referierte der Kasseler Richter Eckehart Blume über die Geschichte der Kasseler Handexemplare nach 1945 und ihren aktuellen rechtlichen Status, während der Grimm-Philologe und Museumsleiter Bernhard Lauer der Geschichte der verschiedenen Teile des persönlichen und wissenschaftlichen Nachlasses der Brüder Grimm nachging.
Die Brüder Grimm-Gesellschaft wird sich dafür einsetzen, die nutzlose Diskussion über Randfragen wie Eigentum und Besitz möglichst rasch zu beenden, und sie wird sich mit aller Kraft den anstehenden Projekten in Kassel, in Hessen und auch darüber hinaus widmen, denn ein Werk, dem auf ihre Initiative hin der Titel eines Welterbes zuerkannt wurde, muß auf Weltniveau gewürdigt und gepflegt werden, will man das geistige Vermächtnis der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm ernst nehmen. http://www.grimms.de/contenido/cms/fron ... =272&m=&s=

Die "Hessisch-Niedersächsische Allgemeine" brachte am Tag dieser Informationsveranstaltung (Mittwoch, 14. Februar) Informationen über städtische Recherchen zum Verhältnis zwischen Dienstpflichten und Ehrenamtlichkeit im Grimm-Museum:
Bild

Am Donnerstag, dem 15. Februar, veröffentlichte die HNA Hintergrundinformationen zur Geschichtsfälschung der Brüder Grimm-Gesellschaft im Welterbe-Antrag an die UNESCO:
Bild

Dem Artikel fügte die HNA eine ausführliche "Chronik einer Aneignung" bei:
HNA hat geschrieben:Die Chronik einer Aneignung
Wie sich die Brüder-Grimm-Gesellschaft Bücher aus der Grimm-Bibliothek allmählich einverleibte

Von Dirk Schwarze

KASSEL. Im Folgenden geben wir einen kurzen Abriss zur Geschichte des Streits um die Grimm-Bände:

1897
wird die "Kasseler Grimm-Gesellschaft" gegründet, die sich zur Aufgabe macht, für die Landesbibliothek eine Sammlung von Erinnerungsstücken an die Brüder Grimm anzulegen.

1920
wird die Kasseler Grimm-Gesellschaft aufgelöst und ihr Eigentum satzungsgemäß der Landesbibliothek übertragen. Von der Auflösung dieser ersten Grimm-Gesellschaft ist in der Selbstdarstellung der heutigen Grimm-Gesellschaft lange nichts zu lesen. Stattdessen heißt es in der 2007 im Internet aktualisierten Geschichte entgegen der Faktenlage: "Bis zum Ersten Weltkrieg konnte in Kassel eine ansehnliche Grimm-Sammlung zusammengetragen werden, die (...) den Grundstock für das heutige Grimm-Museum bildete."

1932
übergibt der Grimm-Forscher Johannes Bolte die neun Bände Handexemplare der Kinder- und Hausmärchen, die er von Herman Grimm erhalten hatte, der Landesbibliothek.

1942
wird die heutige Brüder-Grimm-Gesellschaft gegründet. Sie nimmt keinen Bezug auf die frühere Gesellschaft und deren Erwerbungen, erhebt auch keine Ansprüche.

1957/1958
vereinbaren das Land Hessen und die Stadt, dass Kassel die Landesbibliothek mit allen Beständen (außer den Handschriften) übernimmt. Die Landesbibliothek wird mit der Murhardschen Bibliothek (zur LMB) vereinigt.

1959
gründen die Stadt und die Brüder Grimm-Gesellschaft das Brüder-Grimm-Museum, das seinen Sitz in der Landesbibliothek und Murhardschen Bibliothek hat und von dem Bibliotheksdirektor Ludwig Denecke in Personalunion geleitet wird. Auch Deneckes Nachfolger Dr. Dieter Hennig leitet zugleich Museum und Bibliothek. Das Museum wird als Bestandteil der Bibliothek angesehen, bis 1972 das Museum ins Palais Bellevue umzieht. In das Museum bringen die Grimm-Gesellschaft ihr Eigentum als Leihgabe und die Stadt ihren "Grimmiana-Besitz" ein, ohne dass sie ausdrücklich als Eigentum übertragen werden. Dazu gehören auch die Bände aus der Landesbibliothek.

1975/76
heben das Land und die Stadt ihren Vertrag von 1957/58 auf, da für die Gesamthochschule eine angemessene Bibliothek geschaffen werden soll. Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek gehen in die Verwaltung des Landes über. Im Protokoll der Stadtverordnetensitzung vom 1. Dezember 1975 heißt es: Das bedeutet, "dass die Bücher, die bei Abschluss des Vertrages von 1957/58 Eigentum des Landes waren, wieder in das Eigentum des Landes zurückfallen". Das gilt nach Meinung von Experten auch für die Grimm-Bestände. Die Grimm-Gesellschaft hingegen behauptet jetzt, die "Grimmiana" seien städtisches Eigentum.

1985
wird im Fridericianum eine große Grimm-Ausstellung gezeigt, an der Dr. Hennig, zuletzt Leiter des Grimm-Museums, und sein späterer Nachfolger Dr. Lauer mitwirken. Die Handexemplare der Kinder- und Hausmärchen sowie andere Grimm-Bestände werden im Katalog und auf den Vitrinenschildern als Eigentum des Brüder-Grimm-Museums ausgewiesen. Als die Hochschulleitung vor Ausstellungsbeginn gegen die falsche Zuschreibung protestiert, antwortet Dr. Hennig fünf Wochen später: "In der Tat sind die aus Ihrer Bibliothek entliehenen Exponate für die o. g. Ausstellung bei der Hektik der Vorbereitungsarbeiten hinsichtlich ihrer Provenienz unterschiedlich ausgezeichnet worden. Ich sehe leider keine Möglichkeit mehr, diesen Sachverhalt im Katalog zu ändern (...)"

1985/86
spitzt sich der Streit erstmals zu. Zur Vorbereitung der Grimm-Ausstellung hatten die Organisatoren freien Zugang zu den Magazinen der Murhardschen Bibliothek und Landesbibliothek. Nachdem der Verdacht entstanden war, Bücher seien nicht nur entliehen, sondern zu Gunsten des Grimm-Museums oder der Grimm-Gesellschaft umgestempelt und -signiert worden, wurden Türschlösser zu den Magazinräumen ausgetauscht.

2004
wird der Antrag an die Unesco gestellt, wobei sich die Grimm-Gesellschaft einmal allein und einmal mit dem Grimm-Museum als "owner" (Eigentümer/Besitzer) bezeichnet.

2006
wiederholt Dr. Lauer im verspätet erschienenen Jahrbuch für 2001 und 2002 seine alte, falsche Darstellung: "Nach der 1897 erfolgten Gründung der Brüder-Grimm-Gesellschaft e.V., deren erstes Ehrenmitglied Herman Grimm (1828-1901), der älteste Sohn Wilhelm Grimms, war, erhielt die Gesellschaft von ihm die Handexemplare der wichtigsten Werke der Brüder Grimm (...) für die Kasseler Grimm-Sammlung zum Geschenk."

2006/07
weisen Grimm-Experten nach, dass diese Behauptung falsch ist. Dr. Lauer übernimmt jetzt die Darstellung, dass die Grimm-Werke der Stadt gehörten. Für die Grimm-Gesellschaft schreibt jedoch deren Mitglied, der Verwaltungsrichter Eckehart Blume, in einem Gutachten, die heutige Gesellschaft verfüge über einen "nicht aufhebbaren Mitbesitz (§ 866 BGB) an den Handexemplaren der "Kinder- und Hausmärchen".

14.02.2007
http://www.hna.de/kasselstart/00_200702 ... gnung.html

Kulturredakteur Dirk Schwarze kommentierte den Vorgang:
Dirk Schwarze, HNA, hat geschrieben: Bild

Am Freitag, dem 16. 2., informierte die HNA über das Ergebnis einer Nachfrage bei Oberbürgermeister Bertram Hilgen zum Thema Fälschung von Geschichts- und Eigentumsangaben im UNESCO-Antrag. Hilgen sagte, er werde sich zu Personalangelegenheiten des Museumsleiters Lauer nicht öffentlich äußern. Aufgrund eines Gutachtens des städtischen Rechtsamtes gehe er davon aus, daß die Grimmschen Handexemplare sich im Eigentum der Stadt Kassel befänden, er werde dies aber in einem Gespräch mit Vertretern der Universität diskutieren.
Bonoboche
 
Beiträge: 61
Registriert: Dienstag, 30. Mai 2006, 21:10

FWG fordert Konsequenzen für den Propheten

Beitragvon Jeanne d'Arc » Montag, 19. Februar 2007, 10:55

Bild
(Zitat: HNA)
Jeanne d'Arc
 
Beiträge: 28
Registriert: Sonntag, 29. Januar 2006, 12:59


Zurück zu Kassel

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 1 Gast

cron